Deutsche Meisterschaften - Braunschweig

Ein Wochenende wie aus dem Bilderbuch

Das Jahr 2020 wird uns allen, auch sportlich, in Erinnerung bleiben, dies allem anderen vorangestellt. Für uns alle war es eine Zeit voller Einschränkungen, Sorgen und Hoffnungen, in der wir unsere Gewohnheiten und Gewissheiten in Frage stellen mussten.

Dies hat in besonderem Maße auch die Welt des Sports betroffen, für uns Leichtathleten war monatelang an ein reguläres Training nicht zu denken und es war unklar, ob es in diesem Jahr überhaupt Wettkämpfe geben würde und in welcher Form diese dann stattfinden würden. Einer gezielte Vorbereitung war dies alles natürlich im höchsten Maße abträglich, zudem musste die Motivation von Einheit zu Einheit neu befeuert werden, damit das improvisierte Training ohne klares Ziel nicht zur lästigen Pflicht ausartet. Und improvisiert wurde, jeden Tag; vom Training in der selbst aufgeschütteten Sprunggrube über Krafttraining per Videokonferenz bis hin zu Hürdentraining auf der Straße und Sprints am Kanal, immer wieder mussten neue Wege erprobt werden.

Auch seitdem dann wieder nahezu normal auf der Bahn trainiert werden konnte war das große Thema die Wettkampfplanung. Etliche Veranstaltungen, die seit vielen Jahren traditionelle Konstanten in der Jahresplanung waren, wurden ersatzlos gestrichen, verschoben, geändert, wovon auch die Deutschen Meisterschaften betroffen waren. Die U23-Titelkämpfe wurden ersatzlos gestrichen, die Meisterschaften der Aktiven in Braunschweig von Juni auf August verschoben und mit einem neuen System zur Qualifikation über ein Ranking versehen, welches eher abschreckte als einlud, sich mit den Besten des Landes zu messen.

Dennoch, und nach der Vorrede kann dies nur besonders hervorgehoben werden, waren wieder zwei Athletinnen des TSV Zirndorf am Start. Tina Pröger konnte sich mit neuer Bestleistung im Dreisprung in dieser Saison bereits auszeichnen und war sicher qualifiziert, Miriam Backer war nach zwei nicht optimalen Läufen über 400 Meter Hürden mit der Vorjahresleistung auch noch in die Startliste aufgerückt. Vor Ort wurde es dann ein Wettkampf, der alles andere als normal war. Keine Zuschauer zugelassen, Athleten und Betreuer nur zum jeweiligen Wettkampf im Stadion erlaubt, eine strikte Limitierung der Anzahl der Begleitpersonen, Fiebermessung am Eingang und die inzwischen üblichen Abstands- und Hygienemaßnahmen – man wird auf einem Satellitenbild in der Zukunft jederzeit sehen können, dass die Veranstaltung im Jahr 2020 stattgefunden hat. Aber Sportler sind anpassungsfähig, und so unterschied sich die Routine am Aufwärmplatz nicht von früheren Meisterschaften, das Wetter war heiß und sonnig – es konnte losgehen.

Den Auftakt aus Zirndorfer Sicht bildeten am Samstagvormittag die Halbfinals über 400 Meter Hürden. Miriam ging hier als Nummer 13 der Meldeliste als Außenseiter ins Rennen, zumal sie in dieser Saison noch keinen optimalen Lauf gezeigt hatte. Aber an diesem Wochenende war sie auf den Punkt fit und hochkonzentriert, nach einem mäßigen Start kam sie richtig gut ins Laufen und blieb mit der Saisonbestleistung von 61,19 s nur knapp über ihrer letztjährigen Bestzeit – und war als Achte fürs Finale am Sonntag qualifiziert! Ein toller Erfolg, der unmittelbar im Anschluss zur Reservierung einer weiteren Übernachtung durch die daheim gebliebene Organisationschefin führte, auch hier ein großes Kompliment.
Am Nachmittag waren dann die Dreispringerinnen an der Reihe, im Braunschweiger Stadion wurde für die Horizontalsprünge extra ein Holzsteg aufgebaut, da die eigentliche Sprunganlage – je nach Informationsquelle – nicht fertig, nicht eingeplant oder nicht geeignet war. Tina hatte kurz vor den Meisterschaften noch die Sprungreihenfolge von links-links-rechts auf rechts-rechts-links umgestellt, da sie mit der alten Reihenfolge zunehmend technische Probleme und damit einhergehend eine regelrechte innere Blockade aufgebaut hatte. Manchmal muss man einen Schritt zurück treten, ein Detail ändern, der Kopf wird frei und schon geht es wieder… und wie! Bereits mit dem ersten Sprung erreichte sie sehr gute 12,59 m und verbesserte sich in einem sehr konstanten Wettkampf (die fünf gültigen Versuche waren innerhalb einer Bandbreite von 17 cm) noch auf 12,68 m, nur knapp unter ihrer Bestleistung mit der „alten“ Reihenfolge. Am Ende reichte dies zu einem grandiosen 4. Platz, nach all den Einschränkungen und Problemen im Vorfeld eine exzellente Leistung, ganz herzlichen Glückwunsch hierzu! Den Meistertitel sicherte sich in einem spannenden Wettkampf mit dem letzten Sprung Maria Purtsa vom LAC Erdgas Chemnitz.

Sonntag standen dann nachmittags die meisten Lauffinals an, und den Auftakt bildeten die 400 Meter Hürden mit Zirndorfer Beteiligung, mit Miriam auf der schwierigen Bahn 1. Nach einem besseren Start als am Vortag kam sie erneut gut ins Laufen und lieferte sich spätestens ab 200 Meter ein persönliches Duell mit der Läuferin auf Bahn 2. Seite an Seite ging es auf die Zielgerade, nach der letzten Hürde konnte Miriam noch ein wenig zulegen – und belegte letztlich einen tollen siebten Platz, der mit der grandiosen neuen Bestzeit von 60,49 s gekrönt wurde. Auch hier einen ganz herzlichen Glückwunsch an die Athletin! Deutsche Meisterin wurde die WM-Teilnehmerin vom letzten Jahr, Carolina Krafzik vom VfL Sindelfingen.
Zwei Athletinnen, die beim wichtigsten Wettkampf einer extrem schwierigen Saison das beste Niveau erreichen konnten und sich beide im Finale ihrer Wettbewerbe mit der deutschen Spitze bewiesen – das verdient ein riesengroßes Lob, allerhöchsten Respekt und den Dank aller Zirndorfer Leichtathleten. Das Jahr 2020 wird uns allen, auch sportlich, in Erinnerung bleiben? Ja, und ihr beide seid dafür verantwortlich! Der TSV Zirndorf ist stolz auf euch!